Wie groß ist das momentane Risiko, das ich in einer bestimmten Situation eingehe? Darüber erhält man beim Segelfliegen nur sehr wenig Rückmeldung. Gerade potentiell äußerst gefährliche Situationen wie die Überquerung eines Grates konditionieren den Piloten eher in die falsche Richtung: da sie immer wieder gelingen, verführen sie dazu, die eigenen Sicherheits-Margins immer weiter nach unten zu setzen. Dieses falsche Verhalten wird durch den erreichten Vorteil (Einsparen eines Umweges, Erreichen eines Aufwindes, Erreichen des Heimatplatzes…) zunächst belohnt. Trial and Error, das Lernen aus Erfahrung, funktioniert also nur schlecht. Dennoch hat man häufig ein Gefühl dafür, dass man gerade zu gefährlich fliegt. Diesen „inneren Copiloten“ sollte man ernstnehmen. Erschreckend ist für mich, dass ich mich wider besseres Wissen doch zwar selten, aber immer wieder über diese warnende Stimme hinwegsetze, so wie in diesem Beispiel:

Am 7. Mai 2008, einem Hammertag, war ich auf Dreieckskurs unterwegs. Vom Sausteigen querte ich zur Schwalbenwand, die aber nicht ging. Also folgte ich dem Grat Richtung Hundstein, der jedoch auch nicht besonders gut trug. Ich rutschte rechts vom Grat herunter. Auch den Gratausläufer, der sich vom Hundstein zum Honigkogel zieht, würde ich nun nicht mehr auf seine Südseite queren können. Ärgerlich, denn dort stand eine schöne Wolke. Um sie zu erreichen, würde ich die gesamte Nordflanke dieses Grates bis zum Honigkogel entlang- und um diesen herumfliegen müssen und dann die halbe Südflanke des Grates wieder zurück. Ein Umweg von mindestens vier Kilometern, der zudem mit abnehmender Höhe immer länger wird. Aber es ließ sich nichts machen, ich war nun einmal (wenn auch knapp) unter Grat und hatte in dem Nordhang auch keinerlei Aussichten, ihn zu übersteigen. Ich fand mich also mit dem Umweg ab. Doch dann trug die Nordseite ganz leicht, gleichzeitig kam ich am Beginn einer Art langezogener, aber flacher Senke in dem Grat zu meiner Linken an. Ich erinnere mich noch, wie ich dachte: „Sieh mal, rein ‚physikalisch‘ würde es jetzt sogar zum Drüberfliegen reichen – schade, dass es aus Sicherheitsgründen trotzdem nicht geht, dafür reicht die Höhe nun wirklich nicht.“ Im selben Moment gehe ich mit den Rudern unwillkürlich, ohne nachzudenken nach links, drehe in den Grat und überfliege ihn tatsächlich. Ich kam direkt in dem kräftigen Bart auf der Südseite an und der weitere Flug war völlig problemlos. Ein typischer Fall, in dem das Ergebnis das falsche Verhalten belohnt: ich hatte den drohenden Umweg mitsamt seinem unvermeidlichen Zeit- und Höhenverlust eingespart und den Bart optimal getroffen.

Dennoch habe ich mich noch während der Gratquerung kolossal über mich geärgert, denn ich hatte gerade einen gewaltigen Fehler begangen:

  • ich war für die Querung zu tief (laut SeeYou betrug der Abstand zum Gelände etwa 40 Meter), mit knapp 110 km/h vor allem aber viel zu langsam! Fahrt ist wichtiger als Höhe; 40 Meter können durchaus völlig safe sein, wenn man 160 auf der Uhr hat. Mit nicht einmal 110 war die Gesamtenergie für eine sichere Querung aber schlicht viel zu gering.
  • ich habe eine zuvor bereits fix getroffene Entscheidung, nämlich, den Umweg zu fliegen, ohne erneutes Abwägen der Fakten (die sich ja auch nicht geändert hatten) umgestoßen. Das ist hier ähnlich falsch wie der Wechsel des Außenlandeackers im kurzen Endanflug.
  • die Stelle des Grates, an der ich gequert habe, war zwar etwas tiefer eingedellt als die bisherige Gratlinie, gleichzeitig aber auch deutlich flacher und damit äußerst gefährlich zu queren.
  • wegen des offensichtlichen Bartes, der an genau dieser Stelle aus der Südflanke des Grates kam, hätte man mit einem thermisch verursachten Lee auf der Nordseite oder oben auf dem flachen Teil des Grates rechnen müssen. Allein das hätte die Querung eigentlich verboten.

Übrigens lässt sich dieser Fehler ganz hervorragend mit dem genialen Tool „IGC Flight Replay“ in Google Earth nachverfolgen. Dazu hier den Flug herunterladen und mit IGC Flight Replay angucken.